Reguliere dich selbst. Traum oder Wirklichkeit?

Im Blogbeitrag „Vertrauen“ habe ich es bereits angekündigt, jetzt möchte ich das Thema Selbstregulation noch einmal separat behandeln. Und zwar im Dialog mit Dr. Gudula Ritz, bei der ich, unter Leitung von Professor Julius Kuhl, meine Ausbildung in der PSI-Theorie absolviert habe.

Wir werden in unserem Alltag ständig manipuliert. Über Medien, Werbung, Filme et cetera. Warum sollten wir also nicht lernen, uns selbst positiv zu manipulieren und zu regulieren – um so mehr aus uns zu machen und sogar über uns selbst hinauszuwachsen?

Geht nicht? Geht doch. Unser Körper ist ein „kleines“ Wunder. Er reguliert und heilt sich normalerweise von ganz alleine. Und er ist zu weit mehr in der Lage, als wir meist zu glauben wagen … und das ganz ohne Anleitung und Kommando. Ein bekannter Arzt hat hierzu einmal gesagt, er habe jahrelang den Körper, seine Prozesse und Abläufe studiert, dabei aber nie einen „Chef“ gefunden. ;O)

Und doch haben wir einen „Chef“ unter den Haaren oder der Glatze sitzen, der entweder für ein positives, entspanntes und motivierendes Umfeld „sorgt“ oder mit Angst, pessimistischer und negativer Stimmung „regiert“. Je nach Umfeld oder Einfluss, ist unser Körper auch in der Lage, besser oder schlechter zu heilen, gesund zu bleiben oder voller Motivation und Energie zu sein – und vielleicht sind wir dann letztendlich sogar glücklich.

Will ich diesen „Chef“ also positiv beeinflussen, ist es zuerst einmal wichtig, zu erkennen, wo ich gerade stehe – als Typ Mensch oder während einer bestimmten Lebensphase. Bin ich eher ängstlich und muss mich beruhigen oder brauche ich Motivation? Sollte ich mich mal wieder intensiver reflektieren oder muss ich lernen, wie man zum Beispiel öfter freundlich „Nein!“ sagt? Wie reagiere ich zum Beispiel unter Stress, und wie ist generell meine erste Reaktion auf bestimmte Situationen? Wenn ich dies alles weiß, dann kann ich auch anfangen zu lernen, mich flexibler in meiner „Zentrale“ – in meinem Gehirn – zu bewegen, indem ich an meiner Haltung arbeite … was wiederum neues Verhalten zur Folge hat.

Hier setzt die Arbeit eines Coachs oder Trainers an. Mit seiner oder ihrer Hilfe entwickelt man ein Persönlichkeitsprofil und findet die richtigen Tools, um aus den „Ecken“ im Gehirn, in denen man vielleicht gerade „gefangen“ ist, herauszukommen.

Das bedeutet auch: Ich kann geschmeidig bleiben und alte Denkstrukturen, Glaubenssätze und Haltungen aufbrechen. Unsere neuronale Plastizität erlaubt uns selbst im Alter, unsere „Gedankenautobahnen“, die wir selbst gebaut haben, in eine andere Richtung zu lenken oder „einzureißen“. Oder wie Shi Heng Yi, leitender Meister des Shaolin Temple Europe, sagt: „Wir werden weich und geschmeidig geboren. Und im Laufe unseres Lebens werden wir immer härter, hart in unseren Gedanken über uns selbst und andere. Auch unser Körper wird härter und steifer – und es endet mit der Leichenstarre. Die Kunst ist es, weich zu bleiben – weich in unserem Geist und geschmeidig mit unserem Körper!“

Jeder Mensch kann also mehr. Zu jeder Zeit! Bei all dem ist es wichtig, dass die emotionalen Bereiche unseres Gehirns angesprochen und stimuliert werden. Diese Zentren verstehen keine Zahlen, Daten, Fakten und harte Ziele. Hier lernen wir über Bilder und Ambitionen, also Metaphern, die oftmals klingen wie ein Satz aus einem Märchen. Sie dienen als Anker, um uns selbst zu regulieren.

Mit der PSI-Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen von Prof. Julius Kuhl lässt sich sehr schön veranschaulichen, worauf es bei der Selbstregulation ankommt und in einem funktionsanalytischen, psychologischen Persönlichkeitsprofil aufzeigen, wo die individuellen Ressourcen für diese Selbstregulation schlummern. Zwar sind unser Gehirn und dessen Funktionen wesentlich komplexer als die Theorie, dass die linke Gehirnhälfte (im Cortex) eher für das Analytische und die rechte Hirnhälfte eher für Intuition und Emotion zuständig ist. Aber man kann durchaus von einer gewissen Asymmetrie sprechen. Und wenn man es sehr anschaulich darstellt, dann lassen sich laut PSI-Theorie vier Bereiche im Gehirn hervorheben.

So viel vorab von mir. Und jetzt: DARE trifft Dr. Gudula Ritz, Diplom-Psychologin, Geschäftsführerin der Impart GmbH und Spezialistin für die PSI-Theorie.

DARE: Liebe Gudula. Du bist Dozentin für die PSI-Theorie und Geschäftspartnerin von Professor Julius Kuhl. Bitte beschreib uns mal – sozusagen aus erster Hand – die unterschiedlichen Bereiche des Gehirns und deren Interaktionen.

Da ist zum einen die vordere, linke Gehirnhälfte, das „Intensionsgedächtnis“ (IG). Es ist der Planer in uns. Hier können erfolgreiche Strategien entwickelt werden und vieles mehr. 
Wenn dieser Bereich allerdings überladen ist und wir zum Beispiel vor lauter Arbeit und Aufgaben gar nicht mehr wissen, wo wir anfangen sollen, dann sitzen wir buchstäblich vor einem riesigen (Gedanken-)Berg, der übermächtig erscheint und sind im schlechtesten Fall einfach blockiert. In so einer Situation ist es dann wichtig, mit Hilfe der eigenen Potenziale und Ressourcen kleine Schritte zu finden, mit denen man sich selbst wieder inspirieren und aktivieren kann. Will man sich selbst regulieren, ist hier also der (Lern-)Schritt die „Selbstmotivation“, der Weg in die „Intuitive Verhaltenssteuerung“.

Diese „Intuitive Verhaltenssteuerung“ (IVS) ist der Motor der Handlungsenergie und der Vitalität, hier geraten wir leicht in den sogenannten „Flow“. Als Kind haben wir uns zum Beispiel beim Spielen komplett „verloren“ und die Zeit vergessen, da es uns so großen Spaß gemacht hat.

DARE: Sportler, die ich coache, berichten hier auch immer wieder, sie seien in einer Art „Tunnel“, wenn alles nach viel Übung wie selbstverständlich abläuft und jede Bewegung geschmeidig ist. Alles ist im Fluss und fühlt sich perfekt an.

Genau, hier sind wir also hochmotiviert. In diesem Zustand lassen wir uns aber auch gerne von anderen und deren Ideen „anzünden“ und uns vielleicht zu etwas überreden, das wir gar nicht wollen oder können. Wenn wir dann zu schnell „Ja“ sagen, kann es hilfreich sein, sich immer wieder innerlich ein imaginäres Stopp-Schild hochzuhalten. Hier ist das Regulierungspotential die „Selbstbremsung“, die ich zum Beispiel mit Hilfe eines Plans im „Intentionsgedächtnis“ unterstützen kann – siehe Pfeil in der Grafik.

Die „Objekterkennung“ oder das „Objekterkennungssystem“ (OES) hingegen hat früher schon so manches Mal unser Leben gerettet, wenn wir entspannt in die Landschaft geschaut haben und ein Tiger der „Fehler im Bild“ war. Wir haben das „Objekt“ erkannt und sind gerannt, haben gekämpft oder uns gleich tot gestellt. Heute ist es kein Tiger mehr, aber oftmals der Fehlerzoom bei der Arbeit, im Alltag oder das Verlieren im Detail. Allerdings kann ein zu großer Fehler- oder Detailzoom auch dazu führen, dass wir immer genau wissen, wie es nicht funktioniert. 

DARE: Die „Gegenbeispielsortierer“ in einem Unternehmen sind oft schnell identifiziert und holen die Intuitiven wieder von ihren Höhenflügen zurück. Teils kann das gut sein – es kann allerdings auch ausbremsen. Als Kind haben wir noch kein Konzept dafür, wie etwas nicht geht. Das lernen wir erst über unser Umfeld, in der Schule, wenn wir auf Fehler trainiert werden und über Medien, die den Fokus fast ausschließlich auf das Negative und Schlechte lenken. Was dann entstehen kann, ist Angst. 

Richtig! Was uns dann fehlt, ist eine Portion Ruhe und Gelassenheit. Hier ist das Lernziel also die „Selbstberuhigung“ hin zu mehr Selbstvertrauen und Mut.

Selbstvertrauen bringt uns – siehe Pfeil – zum letzten Bereich, der Königsklasse: dem SELBST oder sogenannten „Extensionsgedächtnis“ (EG), dessen größter und persönlicher Teil das Selbstsystem darstellt. In diesem Bereich sind alle persönlichen Erfahrungen unseres Lebens gespeichert, multisensorisch und multisemantisch vernetzt und mit einem somatischen Marker, einem Körperanker, verbunden. Jede Erfahrung, die wir jemals gemacht haben, ist so auch mit einem Gefühl verbunden, das wir spüren oder hervorrufen können, wenn wir an das vergangene Ereignis denken und es uns nochmal im Detail vorstellen. Zum Beispiel als Bilder, Geräusche, Gerüche et cetera.

Dank des EG wissen wir also im Grunde ganz genau, was gemäß dieser Erfahrung gut für uns ist, was zu uns passt und was nicht. Aber oft handeln wir gegen unser „Bauchgefühl“ und lassen den „logischen“ Verstand entscheiden. Wenn wir gegen unser Gefühl entscheiden, merken wir entweder schon nach kurzer Zeit oder später, dass es nicht gut für uns war und es uns auch nicht gutgetan hat. Psychisch wie auch körperlich. Wie gesagt, unser SELBST weiß, was zu uns passt, vor allem, was persönlich bedeutsam ist, was unseren Werten entspricht oder uns einfach nur guttut und uns bereichert.

Da dieses System auf persönlichen Assoziations-Netzwerken basiert, hat es seine eigene subjektive Logik. Natürlich kann diese Logik auch mal danebenliegen, denn wir brauchen auch objektive Maßstäbe, die uns helfen, unsere eigene Erfahrung zu relativieren. Am meisten lernt das Selbstsystem durch Selbstkonfrontation, das heißt durch Fehler und durch Scheitern. Mancher „Boss“ eines Unternehmens lässt keine Kritik oder neue, andere Ansätze und Ideen zu. Dieser Chef müsste dann lernen in die „Selbstkonfrontation“ zu gehen, sich zu reflektieren oder reflektieren zu lassen. Hier ist dann ein Fehlerzoom der „Objekterkennung“ – siehe Pfeil – ganz angebracht.

Aber ganz egal, was für ein Typ ich bin oder in welchem Bereich und in welcher Lebensphase ich gerade „festhänge“ – wichtig für eine erfolgreiche Selbstregulation und das Ausschöpfen der eigenen Potenziale ist immer, dass ich mir Möglichkeiten erarbeite, die mich in meinem eigenen Gehirn flexibel in einen anderen Bereich bringen. Also von der Planungs-Blockade (IG) in die antreibende und motivierende Intuition (IVS). Als zu schnell angezündeter Ja-Sager (IVS) zurück zum geplanten Stopp-Schild-Verwender (IG). Vom Fehlerzoom und der Angst (OES) zur selbstberuhigenden Weisheit (EG). Und schließlich wird der von sich zu sehr Überzeugte (EG) durch die Konfrontation mit Fehlern (OES) wieder demütiger.

So können wir wieder neue Verbindungen, sogenannte Synapsen, herstellen und neue „Daten- und Gedankenstraßen“ erschaffen. Um diese Verbindungen geschmeidig zu halten, müssen wir ausgleichende Selbstmanagement-Kompetenzen entwickeln und trainieren.

DARE: Das hört sich für die Leser vielleicht fast so an, als ob wir unsere Persönlichkeit verändern können? ;O)

Nein, unsere Persönlichkeit, das heißt den persönlichen Stil, können wir kaum verändern, aber wir können an unserer Haltung arbeiten. Auch unsere Erstreaktion auf bestimmte Situationen wird im ersten Impuls immer gleich bleiben, aber wir können über eine trainierte Zweitreaktion Situationen meistern, wie wir es uns vorher nicht erträumt haben. Und das macht uns in vielen Bereichen wieder frei und glücklich.

DARE: Wie wichtig sind dabei noch unsere Motive?

Sehr wichtig, denn was noch zum Glück gehört, ist das Ausleben unserer ganz persönlichen Motive. In der Psychologie unterscheiden wir vier Motive: 

Wie man sich sicherlich schon denken kann, ist es enorm wichtig, dass das bewusste und das unbewusste Motiv nicht zu weit auseinanderliegen.

Eine meiner Klientinnen hatte zum Beispiel in einem Test angegeben, dass ihr Leistung enorm wichtig sei. Allerdings kam über die Testung des unbewussten Bereiches heraus, dass Leistung für sie gar keine so große Rolle spielt. Hier ist es dann wichtig, genauer hinzuschauen woher dieses Leistungsstreben kommt. Denn wenn sie sich weiter nur unter Druck setzt, dann lebt und arbeitet sie gegen ihr unbewusstes Motiv. Das hat zur Folge, 
dass sie Stress hat, ohne diesen im ersten Moment richtig wahrzunehmen. Hier können sich später Dinge entwickeln, die dann automatisch die Bremse treten.

Aber soweit sollte es niemand kommen lassen. Es ist einfach wichtig auf seine Gefühle zu achten und manchmal etwas genauer in sich hineinzu„hören“. Denn im Grunde wissen wir immer ganz genau, was gut für uns ist – wir haben es nur oft verlernt, darauf zu achten oder verneinen es.

DARE: Vielen Dank, liebe Gudula, für die spannenden Einblicke in unsere Psyche. Passend hierzu erzähle ich in meinen Seminaren immer gerne eine kleine Geschichte …

…  ein weiser Großvater erzählte einmal vor langer Zeit seiner Enkelin die Geschichte von zwei Wölfen, die im Leben miteinander kämpfen. Einer der beiden, der schwarze Wolf, steht für Angst, Hass, Misstrauen, Neid, Gier und Kampf. Der andere, der weiße Wolf, steht für alles Gute im Leben. Für Liebe, Mitgefühl, Vertrauen, Mut, Respekt, Toleranz und Zuversicht. Das Mädchen überlegte eine Zeit lang, dann fragte sie ihren Großvater: „Welcher Wolf gewinnt?“ Der Großvater schwieg, lächelte sie an und nach einer ganzen Weile sagte er: „Der, den du fütterst, mein Liebes – der den fütterst!“

Also: Lassen Sie uns den richtigen Wolf füttern und in unserem Gehirn einiges bewegen!

DARE to be flexible and careful with yourself!

Ihre Daniela Rebholz