EMDR. Mit vier Buchstaben erfolgreich gegen Traumata.

Ich bin zwar Psychologin, aber keine Therapeutin. Und doch faszinieren mich immer wieder auch Methoden, die in der Therapie zum Einsatz kommen. So auch EMDR. Das Kürzel EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“. Auf Deutsch: Desensibilisierung und Aufarbeitung mit Augenbewegungen.

Eingesetzt wird EMDR in der Traumatherpie. Und kleine Traumata hat so gut wie jeder von uns schon einmal erlebt: Trauer, Angst, Phobien, Stress, Burnout, Leistungsblockaden, unerwünschtes Verhalten, Süchte, Selbstmanagement und einiges mehr. Und hier gilt EMDR als weltweit sehr gut erforschte, hocheffektive und erfolgreiche Methode, die in Deutschland übrigens auch von den Krankenkassen anerkannt wird.

EMDR kann man auch wunderbar mit anderen Methoden kombinieren, was für mich in Coachingprozessen oder im Mentaltraining eine große Rolle spielt. Wenn ich zum Beispiel mit einem Sportler arbeite, der einen Sturz mit dem Fahrrad oder einen Unfall mit dem Rennwagen hatte, dann ist EMDR oft die beste Wahl, um das Trauma aufzuarbeiten und wieder entspannt zu den „alten Zeiten“ zurückzukehren und „noch einen draufzusetzen“.

Soviel nur zum Einstieg von mir. Alles, was sonst noch wichtig zu wissen ist über EMDR, nun aus erster Hand von meiner EMDR-Ausbilderin Dipl.-Psychologin Barbara Lerch. Barbara führt für das EMDR-Ausbildungszentrum von Relindis Hasse die Weiterbildungen durch.

DARE: Liebe Barbara, wie würdest Du EMDR genau beschreiben?

EMDR ist eine Methode, die zwischen 1987 und 1991 von der klinischen Psychologin Dr. Francine Shapiro in Kalifornien entwickelt wurde. Seit Mitte der 90er Jahre wird EMDR erfolgreich in der Traumatherapie eingesetzt. EMDR arbeitet mit bilateraler Stimulation, das heißt Stimulation beider Gehirnhälften. Primär erfolgt dies über Augenbewegungen, zunehmend aber auch unter Einbeziehung anderer Sinnesorgane. Denn falls dem Klienten die Stimulation über die Augen unangenehm ist oder dies wegen körperlicher Einschränkungen nicht geht, kann man auch genauso erfolgreich abwechselnd auf die Oberschenkel klopfen – und zwar kurz hinter den Knien. 

DARE: Und wie lange dauert es, bis EMDR Wirkung zeigt?

Schon nach wenigen Sitzungen führt EMDR zu spürbaren Veränderungen in Bezug auf Kognitionen, Emotionen und Körpererleben. Es gibt inzwischen etliche Studien und Erfahrungsberichte, die die positive Wirkung von EMDR bei der Verarbeitung von belastenden Einzelerlebnissen belegen. Der Verarbeitungsprozess bei komplexen bzw. Mehrfach-Traumatisierungen dauert natürlich wesentlich länger, ist jedoch deutlich kürzer als bei den gängigen Psychotherapieverfahren.

Wissenschaftliche Studien haben die hohe Effektivität und dauerhafte Wirkung dieser Therapiemethode immer wieder bestätigt. Seit 2006 ist die Wirksamkeit von EMDR für die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen PTBS weltweit anerkannt. Ursprünglich entwickelt und getestet für die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse von Kriegsveteranen, sind die Anwendungsmöglichkeiten inzwischen vielfältig, wie du ja in deiner Einleitung bereits geschrieben hast.

DARE: Wie genau funktioniert denn EMDR?

Normalerweise ist bei uns allen das Rapid Eye Movement, kurz die REM-Phase, in der sich unsere Augen sehr schnell von links nach rechts bewegen, ein wichtiger Abschnitt innerhalb unserer Schlafzeit. Sie macht etwa 20-25% unseres Nachtschlafes aus. In dieser Zeit werden emotionale Erlebnisse oder auch kleine Traumata aufgearbeitet und vom Gehirn integriert. Wenn wir schlecht schlafen oder aus anderen Gründen die REM-Phase nicht genügend „zum Einsatz“ kommt, dann bleibt vieles „unbearbeitet“.

Hier oder bei stärkeren Belastungen und Störungen, kann EMDR sehr gut eingesetzt werden. Es wirkt auf die neuronalen Bahnen im Gehirn. Durch bilaterale Stimulation werden beide Hirnhälften in Bezug auf ein traumatisches Ereignis aktiviert und synchronisiert. Traumatische Erlebnisse sind im Gehirn in blockierten bzw. unvollständig integrierten Erinnerungsnetzwerken verankert. Sie sind so abgespeichert, wie sie zum Zeitpunkt des Ereignisses erlebt wurden.

Bei EMDR kommt es zu einer Neubearbeitung dieser „eingefrorenen“ Erinnerungen mit dem Ziel spürbarer und sichtbarer Entlastung auf der Körper-, Gefühls- und Empfindungsebene. In einem aktiv und intensiv therapeutisch begleiteten 8-stufigen EMDR-Prozess, der sich über mehrere Sitzungen hinziehen kann, wird das vom Klienten genannte belastende Ereignis erfasst und in einzelnen Schritten aufgearbeitet.

Dabei wird der Klient aufgefordert, sich in eine Beobachterrolle zu begeben. Mit einem Teil seiner Aufmerksamkeit folgt er dem äußeren Wahrnehmungsreiz, nämlich der bilateralen Stimulation. Mit einem anderen Teil seiner Aufmerksamkeit konzentriert er sich auf sein inneres Erleben, während er die belastenden Vorstellungen fokussiert. Die Beobachterperspektive schafft emotionale Distanz des Klienten zum Erlebten und ermöglicht eine kognitive und emotionale Neubewertung.

DARE: Die Augen sind dabei, anders als der Name EMDR es suggeriert, nicht der alleinige Ansatzpunkt?

Wie schon gesagt: Neben gesteuerten Augenbewegungen wird auch akustische und – wie bereits erwähnt – taktile Stimulation eingesetzt, um durch die Einbindung mehrerer Sinne die Wirkung zu verstärken oder eine Alternative zu nutzen.

EMDR gilt heute als ressourcenorientierte Methode, die neuronale Veränderungen bewirkt und damit Entwicklungs- und Selbstheilungsprozesse in Gang setzt. Mit EMDR wird nicht nur eine beschleunigte Verarbeitung belastender Erinnerungsfragmente ermöglicht, sondern auch eine kognitive Umstrukturierung, d.h. eine Neubewertung des Erlebnisses sowie eine veränderte Einstellung zu sich selbst und den eigenen Ressourcen.

DARE: Ganz herzlichen Dank, liebe Barbara für deine professionellen Erläuterungen. Und an dieser Stelle auch ganz lieben Dank an dich, liebe Relindis!

Genau das ist ja das Schöne! Wir haben alles, alle Ressourcen und Fähigkeiten zur Selbstheilung in uns. Wir müssen sie nur manchmal extra aktivieren. Also …

DARE to let your eyes move! ;O)

Ihre Daniela Rebholz